| message: |
Talofa!
Independent Samoa (nicht zu verwechseln mit American Samoa, einer Art Hawai'i-Disneyland- Kreuzung) wurde 1722 vom Holländer Jacob Reggenveen auf der Suche nach der nie gefundenen 'Terra Incognita' - dem grossen südlichen Gegenstück-Kontinent, der die Erde im Gleichgewicht halten sollte - entdeckt und für 50 Jahre wieder vergessen. 1962 hatten die Samoaner dann die Schnauze voll von britischer, deutscher, amerikanischer und neuseeländischer Vormundschaft und wagten als erster Pazifikstaat den Schritt in die Unabhängigkeit. Mit Erfolg: Weitgehend traditionelle Lebens- und Gesellschaftsformen, eine eigene Landessprache und ein Politisches System das noch immer auf den Matais (den Dorfchiefs) aufbaut, wurden erhalten und abgesehen von einer völlig verlorenen Filiale des grössten amerikanischen Junkfood-Herstellers und ein paar westlichen Konservendosen in den Regalen der Shops in der Hauptstadt Apia, konnte Samoa den westlichen Verführungen fern bleiben. Hotel, Supermarkt und
Touristeninformation müssen lange gesucht werden und, falls gefunden, beschränken sie sich auf ein Exemplar in der Miniausgabe.
**************
Ozean, Horizont, Strände, Palmen, Wellen, Korallenriffe, Wasserfälle und Sonnenuntergänge bis zum Abwinken. Am Ende eines Tages überkommt einem fast das selbe Völlegefühl wie nach dem Durchblättern des 150 Seiten starken Kuoni-Traumferien 2001 Reisekatalogs, 10 Folgen Jaque Custeaux am Stück oder ein KaWeDe-SolbadSchönbühl-BotanischerGartenBern-Kombillet.
**************
Auf Savai'i, der westlich gelegenen (und ursprünglicheren) Insel der zwei Landpunkte die ganz Independent Samoa ausmachen, verbrachte ich 10 Tage an der Tanu's Beach, einem Ressort das dem Dorf Manase angehört. Wer sich jetzt unter "Ressort" eine Mövenpick- oder Hilton-Ferienanlage vorstellt, liegt gänzlich falsch. Lasst es mich so umschreiben: Tanu's Beach ist eine Art Südsee-Pfadfinderlager, das von der Kelly Family geführt wird, einen Touch Club Med im Zaffaraya-Charakter nach Kibbuz-Vorbild, ein Nonnenkloster voller Blumenkinder: Geschlafen wird in Fales, 1.5 Meter von der Wasserlinie entfernt. Ein Fale ist im wahrsten Sinne ein Dach resp. Palmdach über dem Kopf und 6-10 Holzpfeiler die es stützen; In der Luxusausführung lassen sich noch geflochtene Palmblätterpannels als Wandersatz runterlassen, Matratze und das obligate Moskitonetz inklusive. Gekocht wird im Umu (einer Art Erdofen) und über dem offenen Feuer. Gegessen wird in einem grossen Gemeinschaftsfale "am langen Tisch"
wobei der Tisch kein Tisch, sondern eine geflochtene Bastmatte ist. Schneidersitz, täglich frische Blumendekoration, Bananenblätter-Teller und Kokosnuss-Trinkbecher. Öko-Fastfood mit Einweggeschirr. Nach dem Essen wird die Matte weggerollt und die vereinte Tanu-Familie gibt traditionelle Gesangs- und Tanzshows zum besten.
"Tanu-Familie" ist hier nicht als Neobusiness-Teamtrainer-Trendausdruck zu verstehen, sondern Fact. "Tanu" heisst das ehrwürdige Familienoberhaupt, welches das Amt des Matais (eine Art Gemeindepräsident auf Lebzeit) von Manase ausführt, mindestens 12facher Vater und 35-facher Grossvater, sowie "Kulturbeauftragter" im Ressort ist. Seine Nachkommen kümmern sich um den Ausbau, Unterhalt und Reinigung des Ressorts, täglicher Markteinkauf, Fischfang, Plantagen- und Gartenarbeit, Essenszubereitung, Wasserversorgung, Tante Emma Laden, Office, Busstop, Ausflüge, Tanzshows, Nachwuchsförderung, Waschtag, Kirche... Brüder, Nichten, Enkelkinder, Vetter und natürlich alte fette Tanten.
**************
Auch auf Samoa gelten besondere Verkehrsverhältnisse:
Auto: Selten bis gar nie anzutreffen. Mietest du ein Auto (dochdoch, das gibt's) musst du damit rechnen, dass die Bremsen versagen (O-Ton des Vermieters: Dafür hast du doch 'ne Handbremse!?), dass der Gang hängen bleibt (O-Ton: Kein Problem, falls das passiert, rufst du mich an, mein Vetter kommt dann vorbei und flickt es. [Anmerk. des Schreibers: ...falls du ein Telefon findest...]), dass das Licht nicht funktioniert (O-Ton: Besser du fährst bei Nacht nicht zu schnell...), dass sämtliche Anzeigen des Armaturenbretts tot sind [Anmerk. des Schreibers: Das wollte ich dann dem Autovermieter nicht auch noch anhängen...], dass du bei Regen klatschnass wirst, selbst bei geschlossenen Fenstern oder dass alles dies und weitere "Kleinigkeiten" am selben Wagen "vorübergehend Betriebsgestört sind" (O-Ton Vermietvertrag). Das Fahren mit solchen Fahrzeugen erinnert dann stark an die Autocomputerspiele der ersten Generation: Punktesammeln beim Ausweichen der Schlaglöcher, der streunenden Hunde, der
Schweine, Kühe, Kokosnüsse und der Menschen auf der Strasse.
Die Hupe, die übrigens bestens funktionierte, benutzt man hierzulande nicht zum rüffeln, sondern um "Hallo" (zu jedem und allen), "ich lass' dir den Vortritt" (immer und überall), "geh' weg du Tier, jetzt komme ich" (alle 200 Meter), "Achtung Kinder, das ist ein Auto was da kommt" (43% der 160'000 Samoaner sind unter 15 Jahren und gehen zur Schule) zu sagen, gefolgt vom obligaten polynesischen Queen-Mum-Winkiwinki.
Bus: Kostet die Hälfte von fast nichts, ist nie voll auch wenn er immer so aussieht (die 1. Klasse befindet sich auf den Holzbänken, die 2. Klasse auf dem Schoss der 1. Klasse, die 3. Klasse ist über dem der 2.), ist pünktlicher als die SBB vor der Einführung des Stundentakts (weil's keine Fahrpläne gibt und der Tag nicht in Stunden sondern in "gleich", "später" und "morgen" eingeteilt wird) und ist eigentlich gar kein Bus sondern ein Lastwagen mit einer verlängerten, hölzernen Postkutschenkabine auf der Ladefläche.
Das Fahrzeug scheint Privatbesitz des Chauffeurs zu sein und wird aussen und innen nach seinem Gusto dekoriert: Madonnenbilder, Bob Marley Fahnen, Bibelsprüche und Familienfotos. Das wichtigste aber ist der obligate, krächzende Raggasound aus dem zusammengebastelten Soundsystem. Und zwar so wichtig, dass der Bus bei "vorübergehender Tonstörung" mitten in der Pampa für 15 Minuten stehen bleibt und alle Fahrgäste gemeinsam den unzähligen Lautsprecherkabel nachfühlen, um den Wackelkontakt zu finden. Ist er gefunden und mit einem Bostitsch gefixt, wackelt der Bus munter weiter und schlängelt hupend und munter durch Loch und Schwein dem Samoan Highway entlang.
**************
Air New Zealand hatte mich am 2. November letzten Jahres auf Hawai'i katapultiert, 2 Wochen später für über einen Monat zu den Cook Islands gerettet, danach für fast 3 Monate nach Neuseeland verfrachtet und vorgestern wieder durch Amerika zurück auf den kalten Kontinent geschleust. Gute 50'000 Kilometer um den Erdball - lange 50 Stunden in einem Economy-Sitz...
Mich trifft man jetzt wieder öfters zwischen Migros, Handy, Schnupfen und 49 Fernsehkanälen. Zurück an den Tatort des Verbrechens, mit neuen Tricks auf Lager und dem guten Gefühl: Ich hab's gemacht, ich hab' T.O.S. - "The other Side" gesehen, ich würd's wieder tun - ich werd's wieder tun.
Ein deutscher "Frust-Rapper" hat mal gesagt "Und wenn's euch nicht gefällt so bohrt euch doch ein Loch ins Knie." Nene, da wink' ich euch doch lieber mit der Arschkante. ;-)
**************
Ach so: Im Flugzeug hab' ich einen Artikel über BSE und andere Seuchen gelesen. Im Kommentar versucht der Redaktor den Ursprüngen der Krankheiten auf die Schliche zu kommen: Massenhaltung, Fütterungsmethoden, Überzüchtung und Klimaveränderung.
Als ich in Kloten angekommen bin, ist es mir dann wie Schuppen aus den Haaren gefallen: Die Kühe haben recht! Kein Wunder dass sie hier feuchte Augen kriegen und verrückt werden: Bei diesen Massen, diesem Frass, diesem allgemeinen Klima und überhaupt der ganzen Überzürcherung...
Naja, macht's besser, ihr wisst ja jetzt wie's geht:
|