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M.f.G. aus bersee No 5

sender:

The other Side of  L.U.C. <tos@luc.net>

date:

29-5-2001

subject:

M.f.G. aus bersee

position:

This is Apia, Independent Samoa (vormals Western Samoa)

message:

Talofa!

Independent Samoa (nicht zu verwechseln mit American Samoa, einer Art Hawai'i-Disneyland- Kreuzung) wurde 1722 vom Hollnder Jacob Reggenveen auf der Suche nach der nie gefundenen 'Terra Incognita' - dem grossen sdlichen Gegenstck-Kontinent, der die Erde im Gleichgewicht halten sollte - entdeckt und fr 50 Jahre wieder vergessen. 1962 hatten die Samoaner dann die Schnauze voll von britischer, deutscher, amerikanischer und neuseelndischer Vormundschaft und wagten als erster Pazifikstaat den Schritt in die Unabhngigkeit. Mit Erfolg: Weitgehend traditionelle Lebens- und Gesellschaftsformen, eine eigene Landessprache und ein Politisches System das noch immer auf den Matais (den Dorfchiefs) aufbaut, wurden erhalten und abgesehen von einer vllig verlorenen Filiale des grssten amerikanischen Junkfood-Herstellers und ein paar westlichen Konservendosen in den Regalen der Shops in der Hauptstadt Apia, konnte Samoa den westlichen Verfhrungen fern bleiben. Hotel, Supermarkt und Touristeninformation mssen lange gesucht werden und, falls gefunden, beschrnken sie sich auf ein Exemplar in der Miniausgabe.

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Ozean, Horizont, Strnde, Palmen, Wellen, Korallenriffe, Wasserflle und Sonnenuntergnge bis zum Abwinken. Am Ende eines Tages berkommt einem fast das selbe Vllegefhl wie nach dem Durchblttern des 150 Seiten starken Kuoni-Traumferien 2001 Reisekatalogs, 10 Folgen Jaque Custeaux am Stck oder ein KaWeDe-SolbadSchnbhl-BotanischerGartenBern-Kombillet.

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Auf Savai'i, der westlich gelegenen (und ursprnglicheren) Insel der zwei Landpunkte die ganz Independent Samoa ausmachen, verbrachte ich 10 Tage an der Tanu's Beach, einem Ressort das dem Dorf Manase angehrt. Wer sich jetzt unter "Ressort" eine Mvenpick- oder Hilton-Ferienanlage vorstellt, liegt gnzlich falsch. Lasst es mich so umschreiben: Tanu's Beach ist eine Art Sdsee-Pfadfinderlager, das von der Kelly Family gefhrt wird, einen Touch Club Med im Zaffaraya-Charakter nach Kibbuz-Vorbild, ein Nonnenkloster voller Blumenkinder: Geschlafen wird in Fales, 1.5 Meter von der Wasserlinie entfernt. Ein Fale ist im wahrsten Sinne ein Dach resp. Palmdach ber dem Kopf und 6-10 Holzpfeiler die es sttzen; In der Luxusausfhrung lassen sich noch geflochtene Palmbltterpannels als Wandersatz runterlassen, Matratze und das obligate Moskitonetz inklusive. Gekocht wird im Umu (einer Art Erdofen) und ber dem offenen Feuer. Gegessen wird in einem grossen Gemeinschaftsfale "am langen Tisch" wobei der Tisch kein Tisch, sondern eine geflochtene Bastmatte ist. Schneidersitz, tglich frische Blumendekoration, Bananenbltter-Teller und Kokosnuss-Trinkbecher. ko-Fastfood mit Einweggeschirr. Nach dem Essen wird die Matte weggerollt und die vereinte Tanu-Familie gibt traditionelle Gesangs- und Tanzshows zum besten.

"Tanu-Familie" ist hier nicht als Neobusiness-Teamtrainer-Trendausdruck zu verstehen, sondern Fact. "Tanu" heisst das ehrwrdige Familienoberhaupt, welches das Amt des Matais (eine Art Gemeindeprsident auf Lebzeit) von Manase ausfhrt, mindestens 12facher Vater und 35-facher Grossvater, sowie "Kulturbeauftragter" im Ressort ist. Seine Nachkommen kmmern sich um den Ausbau, Unterhalt und Reinigung des Ressorts, tglicher Markteinkauf, Fischfang, Plantagen- und Gartenarbeit, Essenszubereitung, Wasserversorgung, Tante Emma Laden, Office, Busstop, Ausflge, Tanzshows, Nachwuchsfrderung, Waschtag, Kirche... Brder, Nichten, Enkelkinder, Vetter und natrlich alte fette Tanten.

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Auch auf Samoa gelten besondere Verkehrsverhltnisse:

Auto: Selten bis gar nie anzutreffen. Mietest du ein Auto (dochdoch, das gibt's) musst du damit rechnen, dass die Bremsen versagen (O-Ton des Vermieters: Dafr hast du doch 'ne Handbremse!?), dass der Gang hngen bleibt (O-Ton: Kein Problem, falls das passiert, rufst du mich an, mein Vetter kommt dann vorbei und flickt es. [Anmerk. des Schreibers: ...falls du ein Telefon findest...]), dass das Licht nicht funktioniert (O-Ton: Besser du fhrst bei Nacht nicht zu schnell...), dass smtliche Anzeigen des Armaturenbretts tot sind [Anmerk. des Schreibers: Das wollte ich dann dem Autovermieter nicht auch noch anhngen...], dass du bei Regen klatschnass wirst, selbst bei geschlossenen Fenstern oder dass alles dies und weitere "Kleinigkeiten" am selben Wagen "vorbergehend Betriebsgestrt sind" (O-Ton Vermietvertrag). Das Fahren mit solchen Fahrzeugen erinnert dann stark an die Autocomputerspiele der ersten Generation: Punktesammeln beim Ausweichen der Schlaglcher, der streunenden Hunde, der Schweine, Khe, Kokosnsse und der Menschen auf der Strasse.

Die Hupe, die brigens bestens funktionierte, benutzt man hierzulande nicht zum rffeln, sondern um "Hallo" (zu jedem und allen), "ich lass' dir den Vortritt" (immer und berall), "geh' weg du Tier, jetzt komme ich" (alle 200 Meter), "Achtung Kinder, das ist ein Auto was da kommt" (43% der 160'000 Samoaner sind unter 15 Jahren und gehen zur Schule) zu sagen, gefolgt vom obligaten polynesischen Queen-Mum-Winkiwinki.

Bus: Kostet die Hlfte von fast nichts, ist nie voll auch wenn er immer so aussieht (die 1. Klasse befindet sich auf den Holzbnken, die 2. Klasse auf dem Schoss der 1. Klasse, die 3. Klasse ist ber dem der 2.), ist pnktlicher als die SBB vor der Einfhrung des Stundentakts (weil's keine Fahrplne gibt und der Tag nicht in Stunden sondern in "gleich", "spter" und "morgen" eingeteilt wird) und ist eigentlich gar kein Bus sondern ein Lastwagen mit einer verlngerten, hlzernen Postkutschenkabine auf der Ladeflche.

Das Fahrzeug scheint Privatbesitz des Chauffeurs zu sein und wird aussen und innen nach seinem Gusto dekoriert: Madonnenbilder, Bob Marley Fahnen, Bibelsprche und Familienfotos. Das wichtigste aber ist der obligate, krchzende Raggasound aus dem zusammengebastelten Soundsystem. Und zwar so wichtig, dass der Bus bei "vorbergehender Tonstrung" mitten in der Pampa fr 15 Minuten stehen bleibt und alle Fahrgste gemeinsam den unzhligen Lautsprecherkabel nachfhlen, um den Wackelkontakt zu finden. Ist er gefunden und mit einem Bostitsch gefixt, wackelt der Bus munter weiter und schlngelt hupend und munter durch Loch und Schwein dem Samoan Highway entlang.

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Air New Zealand hatte mich am 2. November letzten Jahres auf Hawai'i katapultiert, 2 Wochen spter fr ber einen Monat zu den Cook Islands gerettet, danach fr fast 3 Monate nach Neuseeland verfrachtet und vorgestern wieder durch Amerika zurck auf den kalten Kontinent geschleust. Gute 50'000 Kilometer um den Erdball - lange 50 Stunden in einem Economy-Sitz...

Mich trifft man jetzt wieder fters zwischen Migros, Handy, Schnupfen und 49 Fernsehkanlen. Zurck an den Tatort des Verbrechens, mit neuen Tricks auf Lager und dem guten Gefhl: Ich hab's gemacht, ich hab' T.O.S. - "The other Side" gesehen, ich wrd's wieder tun - ich werd's wieder tun.

Ein deutscher "Frust-Rapper" hat mal gesagt "Und wenn's euch nicht gefllt so bohrt euch doch ein Loch ins Knie." Nene, da wink' ich euch doch lieber mit der Arschkante. ;-)


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Ach so: Im Flugzeug hab' ich einen Artikel ber BSE und andere Seuchen gelesen. Im Kommentar versucht der Redaktor den Ursprngen der Krankheiten auf die Schliche zu kommen: Massenhaltung, Ftterungsmethoden, berzchtung und Klimavernderung.

Als ich in Kloten angekommen bin, ist es mir dann wie Schuppen aus den Haaren gefallen: Die Khe haben recht! Kein Wunder dass sie hier feuchte Augen kriegen und verrckt werden: Bei diesen Massen, diesem Frass, diesem allgemeinen Klima und berhaupt der ganzen berzrcherung...


greetings:

Naja, macht's besser, ihr wisst ja jetzt wie's geht:

M.f.G. L.U.C. aus bersee

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